Sexualunterricht in der Schule: 50 Jahre Sex nach Stundenplan

Sexualunterricht in der Schule: 50 Jahre Sex nach Stundenplan
Bams

Für Teenager war er eine Offenbarung, für viele Erwachsene eine Zumutung: Der „Sexualkunde-Atlas“ wurde vor 50 Jahren diskutiert wie kein anderes Schulbuch.

Der Präsident der Katholischen Elternschaft, Franz Pöggeler, schimpfte, erotische Vorgänge würden so alltäglich geschildert wie „das Atmen und das Naseputzen“. Und weiter: „Wenn die Techniken so einfach dargestellt werden, hat das fast Aufforderungscharakter: ,Man kann es ja mal probieren.‘“


Bundesgesundheitsministerin Käte Strobel (damals 61) mit dem AtlasFoto: picture-alliance / dpa

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Bundesgesundheitsministerin Käte Strobel (damals 61) mit dem AtlasFoto: picture-alliance / dpa

Und die FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher, damals Staatssekretärin in Hessen, sagte, das Werk „würde ich meiner 14-jährigen Tochter nicht in die Hand geben“.

Der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ fehlte Romantik und Poesie, sie schimpfte über „Sexualkunde in der Klempnersprache“. Beispiel: „Der Schamberg ist ein behaartes Fettpolster oberhalb der Scheide.“

Und darum ging es: 48 Seiten dick war das Werk aus dem Bundesgesundheitsministerium, es kostete 4,75 D-Mark und war frei im Handel verfügbar. In zwölf Kapiteln und mit vielen farbigen Fotos und Schaubildern wurden Dinge erklärt, die damals nur in Fachliteratur und Schmuddelheftchen zu sehen waren: die Anatomie von Mann und Frau, Befruchtung und Eireifung, der weibliche Zyklus, Empfängnisverhütung und Geschlechtskrankheiten.

Initiiert hatte den Atlas Bundesgesundheitsministerin Käte Strobel, die bereits 1968 den Liebes-Lehrfilm „Helga“ unterstützt hatte. Strobel war damit eine Wegbereiterin der sexuellen Liberalisierung, „Helga“ wurde ein Kinohit, drei Millionen Deutsche sahen ihn. Für Strobel das Zeichen: es gibt Bedarf. Sie legte das erste Schulbuch zum Thema auf.



Zu viel für manche damals, Kritik kam von allen Seiten. Rechte Parteien wie die NPD fürchteten den Zusammenbruch des Staats: „Von der Pornographie zur Anarchie!“ Linke Blätter wie „Konkret“ schimpften über die Verklemmtheit des Werks, der Atlas diene „der Erzeugung von Sexualangst“.

Gesundheitsministerin Strobel nahm es gelassen: „Bei solchen Versuchen geht man den Konservativen immer zu weit, den Progressiven bietet man zu wenig.“ Der Erfolg gab ihr ohnehin recht, die erste Auflage (100.000 Stück) war schnell vegriffen, der Sexualkunde-Atlas
landete auf Platz 8 der Bestsellerliste, Verlage aus Japan, den USA, Indien und Ostblockländern interessierten sich für die Nachdruckrechte.


So berichtete BamS am 8. Juni 1969Foto: BamS

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So berichtete BILD am SONNTAG am 8. Juni 1969Foto: BamS

Zudem gehen viele Eltern heute davon aus, dass Kinder durch Medien ohnehin alles lernen, was nötig ist. Beate Proll vom Hamburger Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung sagt: „Das ist auch nicht gut. Es bleibt bis heute eine Frage, wie familiäre Aufklärung aussieht und wie Schule das ergänzen kann.“

Sexuelle Bildung an Schulen hält sie heute sogar für wichtiger denn je. Beate Proll: „Dabei geht es auch darum, geradezurücken, was in sozialen Medien falsch dargestellt wird. Und immer wieder deutlich zu machen, dass das, was auf Porno-Seiten im Internet oder in anderen Medien zu sehen ist, kein Eins-zu-eins-Abbild von Liebe und Sexualität ist.“

Und auch heute wird über Sexualität gestritten

Aktuell weigern sich einige Radiosender, den Song „Vincent“ von Sarah Connor (38, Foto) zu spielen. Das Lied soll für einen offenen Umgang mit Homosexualität werben, gleich in der ersten Textzeile heißt es: „Vincent kriegt kein’ hoch, wenn er an Mädchen denkt.“ Bei Antenne Bayern wird der Satz aus Jugendschutzgründen entfernt. Connor ist empört.


Ein Satz von Sarah Connors Song „Vincent“ wird vom Radiosender Antenne Bayern zensiertFoto: picture alliance / Hans Leitner

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Ein Satz von Sarah Connors Song „Vincent“ wird vom Radiosender Antenne Bayern zensiertFoto: picture alliance / Hans Leitner

Bei RTL sagt sie: „Wir tun immer so, als wäre es völlig in Ordnung – und dann bringt es ein Song auf den Punkt, und dann gibt’s plötzlich Ressentiments.“ Auch der Lesben- und Schwulenverband (LSVD) kritisiert: „Sobald es um schwule oder nicht-heterosexuelle Sexualität geht, wird es schwierig.“

 

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